Lesen im Garten

Lesen im Garten

Oft sind es wohl die „kleinen“ Sehnsüchte, die uns helfen, die tägliche Plackerei zu ertragen. Was möchte ich tun, wenn der Sommer da ist, wenn die harten Arbeitswochen einmal unterbrochen werden, wenn ich, noch ganz benommen, aus dem scheinbar ewig sich drehenden Hamsterrad heraustrete und – tatsächlich? – ich kann es noch kaum glauben – ein paar Stunden für mich selbst finden werde? Im Garten sitzen und lesen!

Oasen des Glücks, so nahe können sie liegen. Aber ach, wie schwer ist es oft, sie zu betreten, wie mühselig, zu ihnen durchzudringen! Die kleine Flamme der Hoffnung aber brennt weiter und die Sehnsucht stirbt niemals ganz.

Und irgendwann, irgendwann ist es einmal so weit: Die Sonne lächelt so freundlich und warm, nur ein paar sanfte Federwölkchen hier und da. Der Wind ist keiner, nur ein Lüftchen, das nicht weht, sondern streichelt.

Die dringendsten Arbeiten sind erledigt. Das Geschirr kann warten. Die Katzen sind abgefüttert und die Kinder irgendwo weit weg deponiert oder besser: gar nicht vorhanden. Der Partner? Die Partnerin? Egal. Hauptsache nicht hier. Das Handy ist ausgeschaltet. Die Post war schon da. Die Wespen sind mit dem Fallobst im Nachbargarten beschäftigt. Jetzt: Endlich, endlich allein. Niemand kann mir in meine Gedanken brüllen, niemand mich tadeln für meinen Genuß.

Und dann, dann… sitzen, einfach nur sitzen, neben Rosen vielleicht, und lesen. Ein großer Roman oder ein Groschenheftchen, die Biographie eines Malers aus dem 19. Jahrhundert, ein Gedichtband oder Winnetou… Nur sitzen und lesen. Wie schön, wie schön, wie schön! Und spüren, wie die Entspannung kommt und dieses tiefe, so schwer zu beschreibende Glücksgefühl, das nach einer halben Stunde Körper und Seele völlig durchdringt und leise hellblau in mir flüstert: Das Leben ist schön.

Noch ist Sommer. Noch ist Zeit. Noch ist es möglich. Zwei, drei Stunden im Paradies. Lesen im Garten.

Das Bild oben haben wir dem russischen Maler Nikolaj Bogdanow-Bielski zu verdanken. Geboren am 8. Dezember 1868 in einem kleinen Dorf im Oblast Smolensk, gestorben am 19. Februar 1945 in Berlin. Er ruht auf dem russisch-orthodoxen Friedhof in Berlin-Tegel. Falls Sie da mal sind: Legen Sie gern eine Rose auf sein Grab.

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