Fröhliche Pascha!

In unserem 160-Stunden-Kurs gibt es einen Unterrichtsteil mit dem Titel „Interkulturelle Erziehung“. Das haben wir uns nicht ausgedacht, sondern es ist Bestandteil des DJI-Curriculums, nach dem sich die Qualifizierungskurse für Tagesmütter und -väter in ganz Deutschland richten. Dabei geht es um die Vermittlung einer wertschätzenden Haltung gegenüber unterschiedlichen Kulturen, und dies natürlich unter anderem vor dem Hintergrund der Begegnung mit Kindern (und Eltern) mit „Migrationshintergrund“.

Rein praktisch kann das in der Tagespflege so aussehen, daß man gemeinsam Volksmusik anderer Länder hört oder fremde Speisen ausprobiert. Eine gute Idee kann auch ein „Festtagskalender“ sein. Wann ist eigentlich das kurdische Neujahrsfest, und wie wird es gefeiert? Wann hat ein Kind warum seinen „Namenstag“?

Im Zuge der „interkulturellen Erziehung“ lassen sich übrigens immer wieder auch Elemente der eigenen, z. B. der regionalen Kultur unserer Heimat genauer erkunden, zum Vorteil für Zugereiste und „Eingeborene“ gleichermaßen.

Gerade in diesen Tagen haben wir eine besondere Möglichkeit, diesen Ansatz der „interkulturellen Erziehung“ mit Leben zu füllen. In Kürze feiern wir Ostern, wie in jedem Jahr am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. Das ist aber keineswegs überall selbstverständlich, sondern nur in den „West-Kirchen“ so üblich. Die ostkirchliche Welt folgt hier anderen, älteren Regeln. In diesem Jahr ist Ostern in den orthodoxen Kirchen am 12. April, also eine Woche später als bei uns.

Wenn Sie es z. B.  mit Kindern aus Rußland, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Georgien, Syrien oder der Ukraine zu tun haben, dann gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß diese mit ihren Familien eine Woche später Ostern feiern als wir, genauer gesagt, wenn sie z. B. Russisch sprechen: Pas-cha. Dieser Name kommt von dem jüdischen Fest Pesach, das in unseren deutschen Bibelübersetzungen Passah heißt. In Nordwestdeutschland hat sich gebietsweise – wie Sie vielleicht wissen – für „Ostern“ die alte Bezeichnung „Paschen“ erhalten, und zwar vor allem im Plattdeutschen. (Eine schöne Gelegenheit übrigens, unseren Kindern mal wieder ein neues Wort auf Platt beizubringen.) Auch bei unseren skandinavischen Nachbarn finden Sie Ähnliches. Im Schwedischen z. B. heißt Ostern „Påsk“.

Um Ihnen einige Unterschiede dieser beiden Oster-„Kulturen“ im Westen und im Osten zu verdeutlichen, habe ich drei Lieder ausgewählt. Ein evangelisches und zwei orthodoxe. Das erste stellt für mich ein ziemlich gelungenes und typisches Beispiel eines evangelischen Liedes dar: Klar, einfach, relativ nüchtern, singbar für die ganze Gemeinde, mit einer deutlichen theologischen Aussage, die den Kern des evangelischen Glaubens, die Erlösung durch das Leiden und die Auferstehung Jesu Christi, eben die Osterbotschaft, in den Mittelpunkt rückt. Geschrieben wurde es von Keith Getty, einem Komponisten aus Nordirland. In dem Video sehen Sie ihn am Klavier. Die Dame in dem roten Kleid ist seine Frau Kristyn. (Es gibt von dem Lied auch eine deutsche Version, aber kein für mich passendes Video davon.) „In Christ alone“:

Das Lied ist mir als Lutheraner sehr nah und entspricht – obwohl es aus Nordirland kommt – meiner norddeutschen „Kultur“ und Mentalität. Es stellt sozusagen den „Normalfall“ dar.

Was jetzt kommt, wirkt dagegen für norddeutsche Ohren beim ersten Hinhören eher „fremd“. Sie hören ein griechisch-orthodoxes Osterlied, gesungen von Divna Ljubojevic, einer Sängerin aus Serbien, für mich eine der schönsten Stimmen kirchlicher Musik. Ein typisch orthodoxer Gesang, nichts, bei dem die ganze Gemeinde fröhlich mitschmettern könnte, sondern eine Musik, die die Menschen in Andacht und Anbetung hineinzieht und so eine Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde schafft, eine Musik, die den Geist der byzantinischen Frömmigkeit zu atmen scheint und vielleicht so oder ganz ähnlich schon vor über tausend Jahren erklungen ist. Christos anesti! Christus ist auferstanden!

Und noch ein weiteres Lied für diese Zeit des Kirchenjahres, gesungen von Nikodimos Kabarnos. Lassen Sie sich einmal kurz in das alte, große Byzanz entführen.

Das Thema „interkulturelle Erziehung in der Tagespflege“ kann gerade jetzt in der Passions- und Osterzeit eine besondere Relevanz für die Arbeit mit Kindern haben. Vielleicht finden Sie Möglichkeiten der praktischen Umsetzung.

Darüber hinaus fallen mir aber noch weitere, mit dem eben angesprochenen Osterthema eng verwandte situative Anlässe für die Bedeutung „interkultureller Erziehung“ ein:

Wenn Sie in den letzten Monaten ferngesehen oder Zeitung gelesen haben, dann wird Ihnen aufgefallen sein, daß weite Teile unserer großen Medien eine massive Propaganda vor allem gegen Russen und gegen Griechen betreiben. Sie haben gesehen, welche unverschämten Lügen schon seit Jahren, vermehrt aber im vergangenen und diesem Jahr über die Innen- und Außenpolitik Rußlands in die Welt gesetzt wurden, zuletzt im Zusammenhang mit der „Ukraine-Krise“, und welche Hetze man in den letzten Monaten unter anderem gegen die „gierigen Griechen“ verbreitet hat.

Vielleicht erinnern Sie sich auch noch an die massiven Unwahrheiten, die man von Seiten der deutschen Regierung über Serbien und die Serben in die Welt gesetzt hat, als die NATO ihren völkerrechtswidrigen Jugoslawien-Krieg führte.

In all diesen Fällen ging und geht es (zufällig?) gegen Teile der „orthodoxen“ Welt.

Das ist – wie ich finde – ein sehr guter Anlaß, sich einmal mit der orthodoxen Kultur zu beschäftigen. Gerade in dieser Zeit, in der der „Westen“ so aggressiv, abwertend und feindselig gegen den „Osten“ auftritt, ist es wichtig, daß wir uns nicht gegen unsere Mitmenschen aufhetzen lassen. Gute Beziehungen zu Menschen von der „Gegenseite“ zu pflegen und unseren Regierenden und Propaganda-Organen nicht alles zu glauben, das scheint mir ein aktuelles Erziehungsziel zu sein.

Ich hoffe, Sie stimmen mir zu, auch wenn Sie selbst vielleicht nicht Ostern feiern.

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Ein Gedanke zu „Fröhliche Pascha!

  1. Übrigens hat gerade „heute“ das jüdische Pesach (Passah) begonnen, genauer gesagt gestern Abend nach Sonnenuntergang, denn der Wechsel von einem Tag auf den anderen findet nach biblischem Verständnis nicht um Mitternacht statt, sondern am Abend. Pesach wird nach dem jüdischen Kalender am 15. Nisan gefeiert und erinnert an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Das Fest dauert sieben oder acht Tage und endet in diesem Jahr am 11. April, also einen Tag vor dem orthodoxen Osterfest. Einen besonders herzlichen Gruß von mir an alle jüdischen Leser dieses Blogs. 🐏

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