Laufen Sie mit?

Nein, dies ist keine Einladung zum gemeinsamen Joggen. Es geht vielmehr um unsere Arbeit mit Kindern und die damit verbundene Verantwortung. Und – mal wieder – um die „großen“ Ziele und um die Welt, die wir unseren Kindern übergeben, um die Werte, die wir ihnen vermitteln und um unser eigenes Leben als Vorbild (oder – hoffentlich nicht – als abschreckendes Beispiel) für die nächste Generation.

Wir haben alle über die schrecklichen Dinge gelernt, die z. B. in der Zeit des Dritten Reichs geschehen sind, über die Barbarei der Nationalsozialisten, über Verfolgung, Krieg und Völkermord. Haben Sie sich jemals gefragt, wie so etwas überhaupt passieren konnte? Wie es sein kann, daß offensichtlich die allermeisten Deutschen damals nicht nur passiv und hilflos zugesehen haben, sondern gern und oftmals mit großer Begeisterung mitgelaufen sind?

Was würden Ihnen die Angehörigen der Generation von „Hitlers willigen Vollstreckern“ antworten, wenn Sie ihnen solche Fragen stellten? Vielleicht würden sie sagen:

Wir haben vieles nicht so genau gewußt. Wir haben unserer Regierung vertraut. Wir hielten die Informationen der anderen Länder für Propaganda-Lügen. Wir hatten Angst. Wir hatten so viele andere Dinge zu tun. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß unsere Politiker und unsere Medien uns so belügen würden.  

Haben Sie sich jemals gefragt, was Sie selbst wohl getan hätten? Hätten Sie den Mut gehabt, kritische Fragen zu stellen, Sich zu informieren, Opfern zu helfen, Widerstand zu leisten?

Es kommen andere Zeiten. Die Welt bleibt nicht, wie sie ist. Manches von dem, was wir heute für richtig halten, wovon wir heute überzeugt sind, wird später wieder „falsch“ sein. Eines Tages, vielleicht in 20 oder 30 Jahren, werden wir von der nächsten Generation gefragt werden, wie wir die schrecklichen Dinge zulassen konnten, die im Jahr 2014 geschahen. Warum sind wir mitgelaufen? Warum haben wir geschwiegen? Was werden wir antworten? Vielleicht:

Wir haben vieles nicht so genau gewußt. Wir haben unserer Regierung vertraut. Wir hielten die Informationen der anderen Länder für Propaganda-Lügen. Wir hatten Angst. Wir hatten so viele andere Dinge zu tun. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß unsere Politiker und unsere Medien uns so belügen würden.

Wenn wir in einer Demokratie mit relativer Presse- und Meinungsfreiheit die Lügen, die man uns auftischt, widerspruchslos schlucken, dann wird es uns in einer Diktatur wohl erst recht nicht gelingen, die Wahrheit zu erkennen und für sie einzutreten. Heute haben wir – anders als die Menschen in Nazi-Deutschland – die Möglichkeit, uns zu informieren, und wir haben wenig zu befürchten, wenn wir unsere Meinung sagen. Richtig gute Ausreden werden wir nicht haben, wenn unsere Kinder uns fragen werden, wie wir zulassen konnten, was heute geschieht.

Das Böse in anderen Systemen zu erkennen, vor allem wenn sie überwunden sind und wir auf der Seite der Gewinner stehen, von denen die Geschichte geschrieben wird, ist relativ leicht. Das Böse zu erkennen, wenn man selbst Teil des „Systems“ ist und davon profitiert, das ist schon etwas anderes.

Die amerikanischen Ureinwohner (also die Menschen, die von uns meist „Indianer“ genannt werden) hatten in manchen Gegenden eine besondere Art, Bisons zu erlegen. Sie trieben die Bisons auf einen Abhang zu. Bisons sind Herdentiere. Sie laufen mit. Ihre Köpfe halten sie dabei ziemlich niedrig, und ihre Augen sind eher seitlich am Kopf angebracht. Wenn sie in der Herde rennen, sehen sie also nicht gut, was weit vor ihnen geschieht, sondern vor allem das, was die anderen Bisons neben und vor ihnen tun. Wenn sie also auf einen Abgrund zu rasten, bemerkten irgendwann die Tiere in der vorderen Reihe die drohende Gefahr und blieben stehen. Die dahinter laufenden Tiere hielten aber nicht rechtzeitig an, sondern schoben die vorderen in den Abgrund und wurden selbst auch von den hinter ihnen Laufenden hinunter gestoßen. Auf diese Weise stürzten Massen von Bisons zu Tode und wurden unten von den Menschen eingesammelt.

„Mitlaufen“ ist ein bewährtes Prinzip. Es ist nicht an sich falsch oder schlimm. Häufig ist es einfach der sicherste Weg. Mitlaufen ist leicht und natürlich. Wir tun es alle. Aber manchmal ist der menschliche Herdentrieb auch ein Fluch. Und manchmal ist es auch gerade nicht das Mitlaufen, sondern das Mit-Stehenbleiben. Das passive Zuschauen. Das Hinnehmen von Ungeheuerlichkeiten. Das Schweigen, wo man schreien sollte. Das Achselzucken und das dicke Fell…

Wir wissen nicht, was unsere Kinder in den kommenden Jahrzehnten erleben müssen. Manche sprechen von unserer Zeit als der „Vorkriegszeit“. Bisher brachte „der Westen“ in der näheren Vergangenheit den Krieg meist in Gebiete außerhalb von Europa. Nur selten machte man eine Ausnahme, wie in Jugoslawien und in der Ukraine. Wie wird es weitergehen? Wie können wir unsere Kinder vorbereiten? Können wir irgendetwas dafür tun, daß sie nicht darauf hereinfallen, wenn Aggressoren ihre Kriege als humanitäre Einsätze, als Anti-Terror-Operationen, als Kampf für Demokratie und Menschenrechte oder als Notwehr verkaufen? Werden wir in der Lage sein, unseren Kindern Werte zu vermitteln, die wir selbst nicht leben und Fähigkeiten, die wir nicht haben?

Zur Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 1998 hat im deutschen Bundestag der israelische Historiker Prof. Yehuda Bauer die Gedenkrede gehalten. Er sprach unter anderem über mögliche Ursachen der Nazi-Herrschaft und des „Holocaust“ und über die Verantwortung nicht nur der Deutschen dafür, daß solche grauenvollen Dinge nie wieder geschehen. Er sagte:

Haben wir etwas gelernt? Menschen lernen selten aus der Geschichte, und die Geschichte des Naziregimes bildet keine Ausnahme.

Die gesamte Gedenkrede können Sie HIER nachlesen.

Yehuda Bauer endet seine Rede mit folgenden Worten:

Es gibt vielleicht noch einen weiteren Schritt. In dem Buch, von dem ich schon sprach, stehen die Zehn Gebote. Vielleicht sollten wir drei weitere Gebote hinzufügen. Du, deine Kinder und Kindeskinder sollen niemals Täter werden. Du, deine Kinder und Kindeskinder dürfen niemals Opfer sein. Du, deine Kinder und Kindeskinder sollen niemals, aber auch niemals passive Zuschauer sein bei Massenmord, bei Völkermord und – wir hoffen, daß es sich nicht wiederholt – bei Holocaust-ähnlichen Tragödien.

Was könnte das heute für uns bedeuten?

Vor allem bei internationalen Auseinandersetzungen, an denen auch unser eigenes Land beteiligt ist, können wir davon ausgehen, daß wir von unserer Regierung und unseren Medien unrichtig und einseitig informiert werden. Dann ist es gut, wenn wir uns etwas Zeit nehmen, um auch die andere Seite zu hören. Diese andere Seite wird uns natürlich auch nicht unbedingt die Wahrheit sagen. Aber es gibt uns ein vollständigeres Bild, wenn wir sie wenigstens anhören. Dahinter verbirgt sich doch wohl auch ein wichtiges Erziehungsziel, oder?

Möchten Sie ein Beispiel? Etwas „Propaganda“ der „Gegenseite“?

Bitte sehr:


Ich selbst teile nicht alle Einschätzungen des Sprechers. Aber ich denke, es tut uns gut, diese andere Seite zu Wort kommen zu lassen und sie auch ernst zu nehmen.

Vielleicht ist dieses Video auch nicht mehr ganz aktuell, denn das Poroschenko-Regime wurde ja bekanntlich zu einem Waffenstillstand gezwungen. Aber auch während dieses Waffenstillstands hat die ukrainische Armee Wohngebiete in Donezk bombardiert und friedliche Zivilisten getötet.

Bei ihrem Besuch in Kiew vor vier Wochen hat unsere Bundeskanzlerin eine Kreditbürgschaft über 500 Millionen Euro für die Ukraine zugesagt. Am nächsten Tag hat Machthaber Poroschenko angekündigt, die Militärausgaben seines Landes drastisch zu erhöhen, nämlich fast 2,3 Milliarden Euro mehr einzusetzen als bereits geplant. Unser Geld für Kiews Krieger, für das Töten von Kindern, Frauen und Männern in Donezk und Lugansk. Natürlich, das sind Kriegsverbrechen. Sie werden nur nicht so genannt, weil das Regime sich offiziell nicht im Krieg befindet, sondern „nur“ eine „Anti-Terror-Operation“ durchführt. Da kann es schon mal passieren, daß Menschen ums Leben kommen, die man eigentlich nicht unbedingt treffen wollte. Sie wohnten halt in der falschen Stadt.

Unsere Politiker werden schon wissen, was sie tun. Da wollen wir uns nicht einmischen.

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