Der kleine Albert und die Ratte

An unserem letzten Unterrichtstag vor den Ferien haben wir uns unter anderem mit einem klassischen Experiment beschäftigt, das der amerikanische Psychologe John B. Watson mit einem neun Monate alten Jungen durchgeführt hat, den er in seinem Bericht „Albert B.“ nannte. Eine seiner Grundideen war, daß man das Verhalten eines Kindes im wesentlichen durch die Reize, die dieses Kind erlebt, erklären kann und dafür nicht auf die Annahme von komplizierten Konzepten wie Charakter, Wille, Persönlichkeit, Unterbewußtsein etc. zurückgreifen muß. Ein Reiz (auch Stimulus genannt) in diesem Sinne ist etwas, das ein Kind sieht, hört, riecht, schmeckt oder fühlt, wodurch es also „gereizt“ wird. Das Verhalten des Kindes wird entsprechend auch „Reaktion“ genannt, denn ein Kind tut nicht nur etwas, sondern es reagiert, nämlich auf Reize. Diese Reize werden aber oft nicht einzeln erlebt, sondern im Zusammenhang mit anderen Reizen. Dadurch unter anderem kann ein Kind sich weiterentwickeln, denn diese Reize können durch ihr gemeinsames Auftreten gewissermaßen „aufeinander abfärben“, vor allem dann, wenn sie kurz hintereinander auftreten, beispielsweise wenn sich eine Tür öffnet und dann eine Person durch diese offene Tür den Raum betritt. Ein Kind, das dies erlebt, wird im Laufe der Zeit lernen: Wenn sich die Tür öffnet, wird wahrscheinlich kurz danach jemand eintreten, so daß das Kind auf das Öffnen der Tür bereits ähnlich reagiert wie auf das Erscheinen des eintretenden Menschen. Dieses Lernprinzip nennt man „Klassische Konditionierung“. Sie spielt zum Beispiel dann eine Rolle, wenn ein Kind lernt, welcher Name zu welchem Gesicht gehört, welche Farbe das Ampelmännchen haben muß, wenn man eine Straße überqueren möchte, welche Dinge, Tiere, Menschen sympathisch oder gefährlich sind, welche „Einstellungen“ und welche emotionalen Reaktionen entwickelt werden.

In diesem Zusammenhang wollte John Watson gern herausfinden, wie eigentlich eine Phobie entsteht, also eine krankhafte Angst vor etwas, das eigentlich gar nicht gefährlich ist. Seine Theorie war, daß solche Ängste durch Klassische Konditionierung entstehen. Es müßte also möglich sein, durch die Kombination von einem Reiz, vor dem ein Kind sich (noch) nicht fürchtet, mit einem anderen Reiz, vor dem sich das Kind bereits fürchtet, eine Angst vor dem ersten Reiz zu erzeugen.

Um diese Annahme zu untermauern, führte Watson also ein Experiment durch. Wissenschaftlich gesehen war es ein unglaublich schlampiges Experiment, mit dem heute kein Psychologie-Student vor seinem Professor bestehen würde. Dennoch spielt es eine bedeutende Rolle für das Verständnis der Entwicklung von Kindern, und deshalb haben wir es neulich im Unterricht behandelt. Es wurde im Winter 1919/20 durchgeführt, und wahrscheinlich ist es unter anderem deshalb so berühmt geworden, weil man Teile davon gefilmt hat, als Stummfilm mit einer Kurbelkamera. Eine sehr schöne Darstellung dieses Experiments können Sie sich gleich hier ansehen. Da es ein eingebettetes Youtube-Video ist, werden Sie möglicherweise Werbung sehen, die Sie – je nachdem – wegklicken oder überspringen können. Übrigens werden Sie hier wieder einmal merken, wie sinnvoll es war, daß Sie damals im Englisch-Unterricht gut aufgepaßt haben.

 

Leider weiß ich nicht, wem wir diesen Film zu verdanken haben. Sonst hätte ich den Autoren gern erwähnt, denn der Beitrag ist m. E. ziemlich gut gelungen. Wie Sie gesehen haben, wurde auch auf den russischen Physiologen und Nobelpreisträger Iwan Pawlow (der mit dem Hund) hingewiesen, von dem Watson sich die Grundidee der Konditionierung „geliehen“ hat.

Vielleicht haben Sie sich gefragt, was denn wohl später aus dem kleinen Albert geworden ist. Hat sich diese gelernte Furcht wieder verwachsen? Hat man irgendwann versucht, ihn zu therapieren? Konnte man ihm jemals Plüschtiere schenken, ohne ihn damit in Panik zu versetzen? Hat er sein Leben lang ein geheimnisvolles Mißtrauen gegenüber bärtigen Männern in sich getragen? Was geschah, wenn er als erwachsener Mann unerwartet einer Katze oder einem Hund oder sogar (Hilfe!) einem Kaninchen begegnete? Wie hat dieses Experiment sich auf das weitere Leben unseres kleinen Helden ausgewirkt?

Es scheint merkwürdig, aber fast alle diese Fragen lassen sich bis heute nicht beantworten. Der „kleine Albert“ war kurz nach dem Experiment scheinbar spurlos verschwunden. Der amerikanische Psychologe Hall P. Beck hat sich schließlich mit einigen Kollegen und Studenten auf die Suche nach Albert gemacht. Nach einer aufwendigen Detektivarbeit, die ganze sieben Jahre dauerte, hat man (höchstwahrscheinlich) Alberts wahre Identität und sein weiteres Schicksal aufdecken können. Im Jahre 2009 hat Beck das Ergebnis seiner Recherchen bekannt gegeben. Aber sehen Sie selbst. Dieser Film ist von Michael Britt, er dauert knapp 20 Minuten und ist – Sie ahnen es – auf Englisch.

 

Ach, wie schade. Der Film existiert nicht mehr. Vielleicht taucht er ja wieder auf. Er war wirklich gut gemacht.

Dann sehen Sie sich bitte diesen hier unten an. Ein kurzer Film von der BBC.

 

Wem werden Sie im Mai bei der Europawahl Ihre Stimme geben? Welche Schuhe werden Sie als nächstes kaufen und warum gerade diese? Welche Automarke würden Sie niemals haben wollen, obwohl sie vielleicht technisch besser ist als andere? Warum würden Sie Ihr Kind nicht Adolf, Kevin, Chantal oder Kimberly nennen? Warum schmeißen Sie Ihr Kind, wenn es sich vor Wasser fürchtet, nicht im Schwimmbad vom 3-Meter-Brett, sondern gewöhnen es in kleinen Schritten an das nasse Element? Warum können Sie einem Kind manchmal mit einem Medikament helfen, das gar keinen Wirkstoff enthält? Und was hat das alles mit der „Klassischen Konditionierung“ zu tun? Ein Mensch, dem wir die Denkanstöße zur Beantwortung dieser Fragen zu verdanken haben, war der „kleine Albert“, der in Wirklichkeit Douglas hieß und nur sechs Jahre alt wurde.

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Ein Gedanke zu „Der kleine Albert und die Ratte

  1. Hallo Herr Steuer,

    habe mir gerade noch einmal das Experiment welches wir heute im Unterricht gesehen haben, in Ruhe angeschaut. Beim Googeln habe ich erfahren, das der kleine Albert im alter von sechs Jahren verstorben ist an einem Hirnschaden. Ich bin schockiert und sauer. Hätte das sein müssen? Ist Albert an den folgen des Experiments verstorben? Das Thema ist hoch interessant und gleichzeitig sehr aufwühlend wie Manipulierbar wir Menschen doch sind. Bin gespannt wie der Unterricht weiter geht.

    Gruß
    D. Wünsche

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